Als der freundliche Schlussapplaus verklungen ist, verlassen die meisten Menschen im Publikum schnell ihren Platz. Manche blicken noch, zumeist recht ratlos, auf die Bühne. Eine Frau Mitte 50 sagt zu ihrem Platznachbarn: "Also. Ich hab ja Hochachtung vor der Leistung, dass se das alles auswendig gelernt haben. Aber mehr auch ni."
Was war denn da passiert? Auf der überwiegend schwarzen Bühne steht nur eine Stadiontribünen-Situation mit Schalensitzen, eingerahmt von zwei Fenster darstellenden Traversen. Während des Stückes tragen die Protagonistinnen hin und wieder ein paar einfache Stühle und einen Tisch dazu. Hin und wieder senken und heben sich ein paar Vorhänge aus weißen Schnüren, die dann auch manchmal zu Videoprojektionsflächen werden. Mehr Bühnenbild gibt es nicht. Und eine Anne gibt es auch nicht. Zumindest ist keine Anne zu sehen. Und es wird auch schnell klar, dass Anne nur ein Begriff ist. In einer Szene ist Anne ein Subjekt. Dann wieder ein Objekt. Mal eine Person, dann ein Auto. Die 12 Szenen, oft ohne erkennbare Verbindung zueinander dargestellt, werden immer wieder zusammengehalten durch schnelle Laufszenen - wie der Blick aus einem Fenster in eine Fußgängerzone. Auch die Szenen sind schnell, oft hektisch. Texte bauen nur manchmal aufeinander auf, Dialoge sind bruchstückhaft oft Senden und Empfangen, aber kein Gespräch. Wie in der Kreativabteilung einer Werbeagentur übertrumpfen sich die Figuren mit Sätzen, Schlagworten, Phrasen bis ins Absurde oder Lächerliche oder Gemeine oder Abscheuliche. Das Stück fühlt sich an wie das schnelle Wischen durch einen TikTok Feed. Kurz hängen bleiben, zuhören, dann schnell weiter. Schnell schnell. Wer zurück bleibt, ist raus.
Das Stück spiegelt Ängste und Sorgen junger Menschen wider. Eine Anne reist durch die Welt und zeigt es allen in ihrem Instagram, aber ans Telefon geht sie nicht, wenn Freunde oder Eltern sie anrufen. Gibt es sie überhaupt? Eine andere Anne verdient Geld mit Pornobildern. Damit kann sie später studieren und andere tolle Dinge machen. Ist doch super, oder? Eltern regen sich darüber auf. Hmm, okay. Sprechen die überhaupt Annes Sprache? Kann das mal jemand übersetzen?
Nach gut 90 Minuten endet das Stück ähnlich abrupt, wie es begann. Und lässt viele Menschen im Publikum so ratlos zurück, wie junge Menschen heute oft durch ihre rasend schnelle, von anonymen Ängsten in Hochglanz-Netzwerken bestimmte Jugend irren. Am Schluss blicken sich Publikum und Ensemble selbstbewusst und konsterniert an. Und nun? Wie weiter? Kann man sich fast selbst fragen hören.
Das war wirklich anspruchsvolles Theater. Und wer - wie bei Jugendclub-Stücken üblich - nur den Weg ins GHT genommen hat, um die Cousine der Tochter der Nachbarin mal auf der Bühne zu sehen, musste hier scheitern, konnte nur so reagieren, wie die Eingangs erwähnte Frau Mitte 50.
Angriffe auf Anne zeigt, wie inspirierend und kraftvoll junges Theater sein kann. Danya Rishany Emmanuel und Ireneusz Rosinski aus dem Schauspielensemble des GHT haben das Stück professionell zusammengehalten und waren doch Teil eines Gesamtbildes. Eine Lücke zwischen Laientheater und professioneller Schauspielerei wurde nie zum Störfaktor. Das lag nicht zuletzt an der engagierten Leistung der Schauspielerinnen des TheaterJugendClubs: Greta Bowitz, Mathilde Hassler, Lea Hirche, Annelie Kühnel, Lucy Liebermann, Annika Müller, Michelle Post, Rosaleen Kathleen Reitz, Emilia Röcke, Anni Ullrich und Edda Zenker. Bravo!
Angriffe auf Anne wird noch einmal gezeigt am 23.Mai 2025 um 19.30 Uhr.


