Die Worte Zuwanderung, Unterdrückung und Ignoranz fallen kein einziges Mal an diesem Abend im Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau. Und doch geht es genau um diese Begriffe. Wer sich nicht vor dem Theaterbesuch über das Stück und seinen Autor informiert hat, wird recht lange brauchen, überhaupt zu verstehen, was da gerade passiert auf dieser schlichten und doch äußerst eindrucksvollen Bühne. Das Publikum sitzt - wie schon im gefeierten Rietzschel-Stück „Das beispielhafte Leben des Samuel W.“ aus der Vorsaison - mitten auf der Bühne, den dunklen Zuschauerraum im Rücken und blickt auf die vom imposanten Rundhorizont umrahmte Drehbühne. So entsteht eine besondere Nähe zwischen Publikum und Ensemble, man wird Teil der Szenerie. Auf der komplett weißen Bühne hier ein paar Restaurantküchentische, dort ein Berg Plastikflaschen, zwei Kühlschränke, einige graue Plastikstühle. Sonst nichts. Der Raum wird lebendig, manchmal hektisch durch unentwegte Musik und wechselnde großflächige Projektionen in die Bühnenumrahmung und die sich unentwegt mal schneller, mal langsamer drehende Bühne. Eine grelle Großstadtwelt, wie ein mit schnellen Schnitten produzierter Videoclip.
In der ersten Szene wird klar, dass der Goldene Drache eines der unzähligen Asia-Restaurants in irgendeiner Stadt der westlichen Welt ist. Die fünf Akteure in der Küche sind schnell, machen Scherze. Das Restaurant wird mal als vietnamesisch-thailändisches, mal als chinesisch-japanisches, dann wieder als irgendwie anderes asiatisches Lokal bezeichnet. Es ist egal, das Küchenpersonal ist zusammengewürfelt von überall her, alles Menschen, die ihr zu Hause am anderen Ende der Welt verlassen haben, um ihr Glück im goldenen Westen zu finden. Der Kundschaft ist es auch egal, man isst gern exotisch und was der Unterschied zwischen japanischer und chinesischer Küche ist, weiß eh niemand. Die Restaurantküche und die Geschichte der hier arbeitenden Menschen ist nur einer von mehreren Handlungssträngen des Stückes, die alle in dieser Nachbarschaft spielen, gefühlt zunächst willkürlich, manchmal mit einer gewissen absurden Komik erzählt, später immer mehr zueinander finden.
Das Ensemble spielt die Geschichte mit großem Tempo, was die hektisch-fiebrige Atmosphäre der Bühnengestaltung aufgreift und dem Publikum kaum Zeit zum atmen lässt. Wenn Philipp Scholz einen asiatischen Koch und im nächsten Erzählstrang mit David Thomas Pawlak ein Stewardessen-Duo spielt und Martha Pohla erst den Mann im gestreiften Hemd, dann den Asiaten mit Zahnschmerzen, wird klar daß Geschlecht irgendwie keine Rolle spielt für die Geschichte; wenn Isabella Szendzielorz die junge Enkelin und Jonas Maria Lubisch den Großvater gibt, wird das Alter nebensächlich. Von all diesen Kategorien befreit, bleibt schließlich nur noch der Mensch. Der Mensch und seine Taten.
In einer starken Ensemble-Leistung einzelne herauszuheben fällt besonders schwer. Es ist Amina Gusner gelungen, den schweren Stoff dadurch erträglicher zu machen, dass die Schauspielerinnen auch dann Teil des Stückes sind, wenn sie nicht Teil der Handlung sind, sich gegenseitig in Kostüme helfen, Requisiten reichen oder auch nur im Sichtbereich des Publikums am Rand der Bühne stehen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler schaffen es sämtlich, die unterschiedlichen Rollen in den verschiedenen Erzählsträngen so anzulegen, dass das Publikum den Überblick behalten kann.
Besonders zu erwähnen in einer starken Ensemble-Leistung ist Jonas Maria Lubisch, der gerade die an diesem Abend am schwersten zu ertragenden Szenen als Opfer sexuellen Missbrauchs darzustellen hatte. In seiner Darstellung der Figur „die Grille“ wird die Reise in das Land der Hoffnung und weiter zur Hölle auf Erden besonders schmerzhaft sichtbar.
Die Geschichte, die mit lachenden Köchen im Goldenen Drachen begann entwickelt sich immer mehr zu einem ganz realen Alptraum. Das zunächst noch bei einzelnen Szenen zu vernehmende Lachen im Publikum verschwindet. Zu grotesk, zu verstörend, zu grausam ist die Geschichte auf dem Weg zu ihrem Höhepunkt. Am Ende bleibt beim Publikum der fahl faulige Geschmack eines kariösen Zahnes: Wir alle kümmern uns viel zu sehr um uns selbst, was aussieht wie Empathie ist oft nur Heuchelei. Wir geben uns weltgewandt und haben doch in unserem spießigen Selbstmitleid den Blick für den Nachbarn vergessen, die Menschlichkeit verlernt. Danke für einen verstörenden, unerträglichen und großartigen Theaterabend.
Der Goldene Drache wird wieder gezeigt am 4., 6. und 11.4. und am 17.5.2025.


