The importance of being funny.
18.10.2025 - Bunbury - Ernst ist das Leben - Deutsche Fassung von Elfriede Jelinek nach einer Übersetzung von Karin Rausch - Regie: Ingo Putz
Die versierte Theatergängerin weiß schon beim Platznehmen im Zuschauerraum wenn im Bühnenbild mehrere Türen und/oder Treppen prominent platziert sind, dann ist Komödienzeit. Seit Generationen ist das schon so, denn Humor entsteht oft durch gutes Timing - Tür auf, Tür zu, eine rennt die Treppe hoch einer kommt von unten wieder ins Bild. Für Oscar Wilde am GHT dominieren 14 Türen auf zwei Etagen die Szenerie, dazu ein breiter, bis zum Quergang unter dem Kronleuchter reichender Laufsteg. Kurz nach dem Beginn des Stückes fliegt plötzlich ein großer Schmetterling von der Bühne in Richtung Zuschauerraum. Ist das ein Effekt? Nein, der ist echt! Wo kommt der denn her? Jetzt aber nicht ablenken lassen.
Das Ensemble ist ausnahmslos - nun ja, bis auf Jonas Maria Lubisch als Pastor Chasuble - in krachbunte Kostüme gekleidet, dazu viel knalliges Licht und fertig ist der 80er Jahre Oscar Wilde. Die ob ihres Alters leicht angestaubte klassische Verwechslungskomödie um die Wichtigkeit ernst zu sein bzw. Ernst zu sein, hat durch die Neufassung von Elfriede Jelinek nach einer Übersetzung von Karin Rausch durchaus gewonnen. Das Ensemble bringt die schwungvolle Geschichte rasant und mit wunderbarem Timing auf die Bühne. Philipp Scholz und Marc Schützenhofer als Algernon und John tragen ihre gewagten Frisuren mit Fassung und geben die wohlhabenden Lebemänner mit Hang zum Doppelleben mit viel Spielwitz. Ähnlich gute Sparringspartnerinnen sind Martha Pohla und Maria Weber, die als Gwendolen und Cecily sich beide um die Hand des imaginären Ernst streiten und in einer langen Szene kurz nach der Pause sogar in einen wirklich witzigen Gesangswettstreit treten. Die Entscheidung den Tenor Michael Berner in die Rolle der Lady Bracknel zu besetzen, erweist sich als Glücksgriff, denn er spielt die schrullige alte Dame überzeugend und witzig und ohne die bei der Rolle nahe liegende Travestie-artige Übertreibung. Zudem kommt sein Können als Sänger dem ganzen Ensemble zugute, denn er übernimmt zumeist die kniffligen Partien, wenn gesungen wird. Und gesungen wird viel. Aber dazu später mehr. In einer zumeist nur auf den Stichwortgeber reduzierten Rolle als Diener Lane kommt Ireneusz Rosinski wenig zur Geltung und auch die von Katharina Stehr verkörperte Gouvernante Miss Prism und der schon erwähnte Pastor Chasuble bleiben - abgesehen von einer albern schlüpfrig angelegten geheimen Liebelei - im Wilde-Stück eher blass.
Eine Bank ist die dem Zittauer Publikum schon bekannte Theaterband um Martin Hybler die musikalisch versiert die vielen 80er Jahre Gassenhauer begleitet, die die Schauspielerinnen und Schauspieler immer wieder zu singen haben. Nach dem Erfolgsstück „Straße der Besten“ ist eine Komödie am Gerhart-Hauptmann-Theater offensichtlich dazu verdammt, mit möglichst vielen Schunkel- und Mitklatschfreundlichen Songs durchzogen zu sein. Was in manchen Situationen gut funktioniert - wie beim schon erwähnten Singegerangel zwischen Gwendolen und Cecily oder auch bei dem den Auftakt und das Ende des Stückes formenden „Bohemian Rhapsody“ - scheint an den meisten anderen Stellen völlig beliebig und lenkt vom Fortgang der Geschichte ab. Die Songs haben mit dem Inhalt des Stückes nichts zu tun, es wirkt oft so, als solle das Publikum nach zu langen Textpassagen immer wieder mit einem kleinen Hit bei Laune gehalten werden. Der Theaterabend wird so zum Varieté Besuch oder gar zum live aufgeführten „Kessel Buntes“ (eine äußerst erfolgreiche Samstagabend Show Reihe des DDR Fernsehens, die Älteren werden sich erinnern…). Spätestens bei der rhythmisch mitgeklatschten „I’m still Standing“-Zugabe kommt die Frage auf, was Oscar Wilde wohl dazu gesagt hätte. Und dennoch: Das ist alles hoch professionell umgesetzt. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind stimmlich richtig gut, das Timing passt, Ton und Licht sind perfekt abgestimmt. Die Standing Ovations am Schluss sind folgerichtig, wenn auch übertrieben. Bunbury wird sein Publikum finden. Das steht fest.
Wer in den vergangenen beiden Spielzeiten theatermäßig unter einem Stein gelebt und „Straße der Besten“ verpasst hat, dürfte genau so seinen Spaß haben, wie diejenigen Theaterfreundinnen, die gute Unterhaltung nur in stetiger Wiederholung des immer gleichen Konzeptes sehen. Bunbury am Gerhart-Hauptmann-Theater ist ein Stück, dem man seine Funktion anmerkt. Es muss erfolgreich sein, es muss viele Leute ziehen. Es ist kein großes Theater, es ist Bubble Gum Unterhaltung. Ohne Feinheiten wie den Schmetterling vom Anfang (der übrigens leider im Bühnengeschehen zertreten wurde (sorry Buddy)), wäre diese Inszenierung so glatt wie ein Taylor Swift Album. Ganz witzig. Ganz hübsch. Und schnell wieder vergessen.


